von Katja Kerschgens

Das Arbeitszimmer ist vollgelegt mit bunten Karteikärtchen, jetzt bloß kein Fenster aufmachen. Das Brainstorming zum Redethema lässt den Kopf immer noch rauchen, die Slides in PowerPoint, Prezi oder Haiku Deck sind beinahe fertig. Anschauungsmaterial, was zum Demonstrieren, ein paar praxiserprobte Storys – aber irgendwie…

Und dann kommen sie, die schlaflosen Nächte. Irgendetwas fehlt. Die Gedanken drehen sich im Kreis, während der Termin immer näher rückt: Die Suppe ist angerichtet, aber wo ist das Salz?

Genaugenommen ist es noch viel ernster: Die Suppe schmeckt nicht. Hmpf.

Ja, ja! Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Nein, nein! Dem Auftraggeber nach dem Mund zu reden, damit es mit dem nächsten Auftrag klappt – das kann es doch auch nicht sein…

Das Karussell nimmt weiter Fahrt auf. Die Gedanken kreisen. Wenn sich etwas im Kreis dreht, zeigt sich irgendwann, dass am Ende schon am Anfang etwas Entscheidendes fehlte: der Sinn.

Okay, ich mache hier jetzt ein großes Fass auf. Muss denn immer gleich die Sinnfrage gestellt werden? Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner?

Vorsicht! Wenn jetzt auch noch der Satz kommt „ist ja nur ein Job“, dann läuft hier irgendwas in eine möglicherweise ungesunde Richtung.

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ungesund, Ungesagtes wegzuschlucken. Ist es das wert?

Ich komme auf dieses Thema, weil ich noch vor wenigen Tagen jemanden mit meinem RedeNotruf begleitet habe. Das hieß in diesem Fall, dass ich mir ein Video mit einem Vortrag angeschaut habe, den ich dann zusammen mit dem Kunden am Telefon analysiert habe. In diesen zweieinhalb Stunden konnten wir eine ganze Reihe von Verbesserungen erarbeiten, alle Erwartungen meines Kunden konnten mehr als erfüllt werden. Ganz am Ende wurde das Gespräch ein bisschen allgemeiner, und mir rutschte die Frage raus: „Wenn du nach so einem Vortrag von der Bühne gehst, bist du dann glücklich?“

Es folgte eine lange Gesprächspause. Es war klar, dass es hier nicht mehr um den Inhalt des Vortrags ging, sondern um etwas sehr Persönliches, Grundsätzliches. Im Laufe unseres Gesprächs hatte ich gemerkt, dass dieser Kunde lieber etwas ganz anderes sagen wollte. Etwas, was der Branche, vor der er sprach, überhaupt nicht gefallen, aber der Wahrheit entsprechen würde. Etwas, das meinem Kunden sehr auf dem Herzen lag und an ihm nagte. Aber gleichzeitig etwas, was sein eigener Kunde nicht hören wollte.

Uns beiden war klar, dass dieses Gespräch einen großen Nachhall bei ihm haben würde. Hier ging es nicht mehr um rhetorische Tricks, einen fulminanten Einstieg oder bildstarke Beispiele. Hier ging es auf einmal um nichts weniger als die Sinnfrage: Kann ich das, was ich tue, mit meinem Gewissen vereinbaren?

Ich stelle die gleiche Frage mal andersherum: Was würde es mit mir machen, wenn ich immer aus dem tiefsten Herzen reden würde?

Das folgende „ja, aber“ ist nicht zu überhören: Ja, aber dafür gibt mir mein Kunde kein Geld!

Vielleicht lohnt es sich, noch etwas weiter zu denken: Was würde passieren, wenn sich mein Kunde mit etwas auseinandersetzen müsste, das er gerne verdrängen würde?

Noch weiter: Täte er es nicht, würde er dann auf Dauer nicht gegen die Wand fahren?

Ist die Wahrheit ein Lebensretter?

So, spätestens jetzt könnte es heißen: Die spinnt, die Kerschgens. Die denkt zu viel! Und ich würde allen Anklagepunkten stattgeben. Ja, ich denke – und zwar darüber nach, wo wir am Ende landen werden, wenn wir am Anfang die Dinge nicht zu Ende gedacht haben.

Es liegt in unserer Verantwortung, wenn wir

  • die Zuhörer umschmeicheln,
  • in deren Denk- und Infoblase bleiben,
  • hier und da ein bisschen sperrig daherkommen, aber weiterhin Rücksicht auf deren Komfortzone nehmen.

Ja, natürlich: Wir sollen die Zuhörer da abholen, wo sie stehen, an die Hand nehmen, Alternativen anbieten, durchaus auch mit Herausforderungen konfrontieren, natürlich Lösungsansätze oder zumindest Ideen liefern – und doch: Ist das genug?

Ich stelle eine kühne Behauptung auf: Damit ändert sich in dieser Welt – nichts.

Es lohnt sich, darüber mal länger nachzudenken. Ohne Blick auf den eigenen aktuellen Kontostand, ohne Wenn und Aber: Ist das Thema wirklich meins oder gärt da noch etwas anderes in mir? Jetzt gilt es, ehrlich mit sich selbst zu sein. Was treibt mich an oder um, möglicherweise fernab von meinem Redethema, meiner Positionierung, meiner Profession?

Und wenn ich da etwas entdecke, warum spreche ich es nicht aus? Fehlt der Mut? Vielleicht sogar auf beiden Seiten – bei mir und bei meinen Zuhörern?

Sorry, auf all die Fragen kann ich hier keine allgemeingültige Antwort geben. Vielmehr liegt es an jedem Einzelnen von uns, das eigene Gewissen auf die Probe zu stellen. Ja, das klingt groß, aber ich behaupte: Es lohnt sich – für alle Seiten.

Mach was draus.

 

Katja Kerschgens

Redenstrafferin & PlanBMentorin

www.DieRedenstrafferin.de

Katja Kerschgens