von Wladislaw Jachtchenko

Kennst Du auch das Authentisch-Gerede? Echt sollen wir sein, zu uns selbst stehen, uns nicht für andere Menschen verbiegen. Ein schönes Märchen! Doch leider ist das “Authentischsein” A) völlig kontraproduktiv und B) philosophisch gesehen ein unkluges Konzept. Kommen wir gleich zur Sache!

A) Authentisch sein ist kontraproduktiv!
Als ich vor 12 Jahren mein erstes Rhetorikseminar gab, es war ein heißes Wochenende im August, da hatte ich ein gelbes T-Shirt an und eine grüne kurze Hose – und dazu bunte Flip-Flops. Es war heiß und ich dachte: „Warum eine Hose und geschlossene Schuhe anziehen bei über 30 Grad?“
Doch sollte mich das allererste Feedback meiner Seminarteilnehmer eines Besseren belehren. Zwar sei mein Seminar, so schrieben meine Teilnehmer auf ihren Feedbackbögen, „kurzweilig“ und „voller neuer Einsichten“ gewesen, doch hatte sich mindestens die Hälfte der Teilnehmer den Trainer ohne kurze Hose und Flip-Flops gewünscht und meine Kleidung als „unangemessen“ und „zu freizeitlich“ bezeichnet.
Mich hat die Frage der „seriösen“ Kleidung nicht losgelassen. Ich habe die Sozialpsychologie befragt – und sie antwortete mir: Gut gekleideten Menschen helfen andere eher bei einem Straßenunfall, geben ihnen auf eine Bitte hin häufiger Kleingeld für ein Parkautomaten. Und wir folgen gut gekleideten Menschen häufiger sogar über die rote Ampel, weil sie mehr Respekt und Autorität ausstrahlen und glaubwürdiger wirken.
Ab da war die Sache für mich klar: Wenn also selbst die Wissenschaft bestätigt, dass für meine Außenwahrnehmung die Kleidung entscheidend ist, dann will ich meinen Erfolg doch nicht selbst durch bequeme Kleidung konterkarieren. Ich wollte nicht mehr authentisch und bunt gekleidet sein, sondern seriös und professionell.
Das Ergebnis? Das Teilnehmerfeedback war ab da nur noch positiv, null Kritik zu meinem Aussehen. Die Sozialpsychologie sollte Recht behalten.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: authentisch sein fühlt sich gut an! Es ist nur kontraproduktiv und wenig professionell. Ich gebe mal ein anderes Beispiel:
Stellen wir uns einen Newcomer-Speaker vor und nennen ihn einfach mal Sven. Sven steht ungern auf der Bühne, sondern sitzt lieber bequem auf einem Stuhl; er redet naturgemäß monoton und leise; er gestikuliert gar nicht und kratzt sich gewohnheitsmäßig alle 30 Sekunden an der Nase. So ist er halt. So ist er echt. So ist er unverstellt.
Wie erfolgreich wird Sven als Speaker werden? Schlechte Stimme, schlechte Körpersprache, null Emotionen. Würden wir ihm trotzdem raten, authentisch zu sein und sich nicht zu verstellen? Würden wir ihm sagen, zu sich selbst zu stehen und nichts zu verändern? Wohl kaum!
Wir würden argumentieren, dass er für größere Bühnenwirkung an seiner Körpersprache und Stimme arbeiten soll. Mehr Emotionen zeigen soll. Und würden genau das machen: Ihm empfehlen, auf der Bühne nicht authentisch zu sein, sondern lieber professionell.

B) Authentisch sein ist philosophisch gesehen unklug!
Das Wort „authentisch“ stammt vom Altgriechischen Wort αὐθεντικός und bedeutet „echt“. Echt zu sein setzt ja voraus, dass wir eine bestimmte Persönlichkeit mit ganz bestimmten Charakterzügen besitzen und diese unser „Ich“, ein unverfälschtes Original darstellt. Klingt ja auf den ersten Blick ganz plausibel.
Doch was ist eigentlich mit Persönlichkeitsentwicklung? Widerspricht nicht das Konzept, seine Persönlichkeit zu entwickeln, der Idee des Authentisch-Seins?
Um diese Frage zu beantworten, lasst uns zurückkommen zu unserem Speaker-Newcomer Sven. Angenommen, Sven möchte – um ein erfolgreicher Speaker zu werden – an seiner Stimme und Körpersprache arbeiten und nimmt sich einen Rhetorik-Coach. Er ist fleißig, macht seine Hausaufgaben und nach circa einem halben Jahr legt er seine monotone Stimme ab, kratzt sich beim Auftritt nicht mehr an der Nase und gestikuliert hin und wieder, um seine Botschaft zu verdeutlichen.
Ist Sven noch derselbe Sven, der er vor dem Rhetorik-Coaching war? Oder ist er nun Sven 2.0?
Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn wir ein growth mindset besitzen, also die Auffassung, dass wir uns ständig weiterentwickeln können, dann gibt es gar keine authentische Version von uns, weil wir uns immer in kleinen Schritten weiterentwickeln und uns verbessern. Unser „Ich“ erfährt durch Persönlichkeitsentwicklung ein ständiges Update und bleibt nie dasselbe.
„Zu sich selbst stehen“, „sich nicht zu verbiegen“ bedeutet letztlich, sich nicht zu verändern und sich nicht weiterzuentwickeln. Aus dieser Sicht erscheint die Forderung nach „Authentizität“ als ein philosophisch unkluges Konzept.
„Sei authentisch!“ ist damit gleichzusetzen mit „Bleib wie Du bist und entwickele Dich nicht weiter!“ – und das will doch keiner von uns wollen. Denn wenn ich zu mir und meinem Charakter stehe, warum sollte ich dann aus meiner Komfortzone herauskommen? Warum sollte ich mich anstrengen? Ich bin doch so gut wie ich bin! Die Folge des Authentisch-Seins ist eine persönliche Stagnation.
Wer diese möchte, kann gerne authentisch sein und bleiben! Ich bin lieber unauthentisch, aber dafür professionell.